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Reise in ein Kriegsland

Besuch in einem Romadorf bei Uzhgorod
Weltkirchenreferent Michael Kleiner vertiefte Partnerschaften in der Ukraine
Datum:
Veröffentlicht: 19.6.26
Von:
Michael Kleiner

Jeder ist in Trauer

Natalia stoppt abrupt. Sie zeigt auf ein Bild: „Das ist mein älterer Bruder“. Nach ein paar Schritten hält unsere Führerin wieder an und deutet auf zwei weitere Bilder: „Das sind zwei Schüler von mir.“ Wir befinden uns in einem kleinen Kriegsmuseum auf der Burg Palanok, dem historischen Wahrzeichen von Mukachevo, der neuen Partnerstadt von Bamberg. In dem großen Raum gibt es eine Galerie der verstorbenen Frontsoldaten. Eine Galerie mit 190 Fotografien, darunter auch zwei Frauen. Das sind die schrecklichen Verluste aus der 85.000-Einwohner-Stadt seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022. Hinzu kommen mehr als 100 Kriegsgefangene und Vermisste. Jeder und jede, mit dem ich ins Gespräch kommt, hat den Verlust des Mannes, Sohns, Bruders oder engen Freundes zu beklagen. Wie können die Menschen damit leben? Was gibt ihnen Kraft zum Weitermachen?

„Den geliebten Mann und Vater können wir nicht zurückgeben“, sagt Janosz Fülöp, stellvertretender Direktor der griechisch-katholischen Caritas im Bezirk Transkarpatien. „Aber wir können helfen neue Hoffnung und Zuversicht zu gewinnen.“  Das geschieht vor allem durch therapeutische Programme, die die Caritas seit Kriegsbeginn für betroffene Familien anbietet. Die Hilfe fängt bei Care-Paketen und Besuchsdiensten von Sozialpädagogen an. Aber es gibt auch Freizeitangebote und sogar Sommerlager für traumatisierte Kinder. Die Erzdiözese unterstützt das Projekt mit jährlich 36.000 Euro. Das ist viel Geld für eine Maßnahme. Aber der Besuch bestätigt mich in der Überzeugung, dass es richtig investiert ist.

Kriegerwitwen haben die Möglichkeit an einer Maltherapie teilzunehmen. Fülup nimmt mich mit zu so einem Treffen. Etwa 15 Frauen versuchen unter Anleitung einer Psychologin auf einer Leinwand positive Zukunftsgedanken ins Bild zu setzen. Die meisten malen schöne Landschaften, Bäume mit bunten Blättern oder sich selbst in eleganten Kleidern. Einzig Alyna arbeitet kaligrafisch – nur mit Wörtern. Ich frage sie, was sie da in kyrillischen Buchstaben schreibt.  „Was das heißt? Am Ende wird alles gut“, sagt die Mittdreißigerin bestimmt.  Das hätte ich nicht erwartet von einer Frau, deren Ehemann erst vor einem Jahr gefallen ist und nun mit zwei Kindern allein das Leben meistern muss.

„Der Erfolg unserer Programme ist messbar und sichtbar“, sagt Janosz Fülöp mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Nach einiger Zeit lachen die Frauen wieder und die Kinder sitzen nicht mehr stumm in der Ecke.“

Altersarmut und Korruption

Erfolgreich und notwendig sind auch die Angebote seines Kollegen Ferenc Fehér von der römisch-katholischen Caritas-Spes. Mit 14 Suppenküchen versorgt er rund 1000 bedürftige Menschen in Mukachevo und Umgebung. Fünfmal in der Woche bedeutet das ein warmes Essen für kinderreiche Familien, Flüchtlinge, Kriegsversehrte und vor allem Rentner. Finanzielle Hilfe dafür bekommt er aus Ungarn und aus der Erzdiözese Bamberg.

„Gerade die Alten sind auf unsere Hilfe angewiesen“, betont Fehér. Die meisten müssen mit 100 oder 150 Euro im Monat auskommen. Das reicht nicht zum Überleben. „Die Miete für eine Einzimmerwohnung in Mukachevo beträgt rund 300 Euro.“ Und die Kosten für Lebensmittel wie Kohl, Karotten und Kartoffeln haben sich seit Kriegsbeginn im Jahr 2022 verdoppelt. Manche können sich das leisten. Denn die Kluft zwischen Arm und Reich ist riesig. Die Binnenflüchtlinge - allein in Mukachevo sind es rund 15.000 - verschärfen die sozialen Spannungen. Einige bringen aus dem traditionell reicheren Osten viel Geld mit und kaufen sich Häuser oder mieten sich teuer in neue Wohnhäuser ein. Verlierer sind neben den Alten auch Familien mit niedrigem Einkommen, Menschen mit Behinderung sowie Flüchtlinge ohne Vermögen und Beziehungen. Sie müssen in Notunterkünften ohne Strom und Heizung leben.

Hinzu kommt die Korruption. Von offizieller Seite hört man nichts darüber. Die Einheimischen sprechen aber offen drüber. So ist die medizinische Behandlung im Prinzip frei, aber man bekommt sie oft nur, wenn man dem Arzt vorher Geld gibt. Eine Krankenschwester konnte ihre neue Stelle erst antreten, als sie 5000 Euro gezahlt hat. Und sogar vom Kriegsdienst kann man sich freikaufen. Für 3500 Euro lassen die Militärpolizisten die meist von der Straße aufgegriffenen Wehrpflichtigen wieder frei. Aber nur, wenn man sofort zahlt. Am nächsten Tag muss man das Mehrfache berappen.  

Bei Ferenc Fehér und der Caritas habe ich nicht die geringste Sorge, dass Geld in falsche Kanäle kommt. Die Abrechnungen sind immer transparent. Der Caritasdirektor ist eine durch und durch integre Persönlichkeit und lebt mit seiner Familie in bescheidenen Verhältnissen.

Sein Bischof, Mykola Luchok, ist Oberhaupt von nur 53.000 Gläubigen in Transkarpatien, das sind rund 4,3 Prozent der Bevölkerung in einem Gebiet, das fast so groß ist wie die Erzdiözese Bamberg. Vor allem in den armen ländlichen Gebieten können die Pfarreien nicht für den Unterhalt der Priester sorgen. Deswegen bittet er um Messstipendien und ist sehr dankbar für ein Geldgeschenk, dass ich ihm im Auftrag von Erzbischof Herwig Gössl für seine sozialen Anliegen mitgebracht habe.

Beide Bischöfe haben sich letztes Jahr im September kennengelernt, als Luchok nach Bamberg gekommen war, um das dreißigjährige Jubiläum der Katholischen Landvolkbewegung mit den Nachfahren der Schönbornfranken in Transkarpatien zu feiern.

Die deutschsprachige Minderheit in der Region Mukachevo (knapp 2 Prozent der Bevölkerung) hat eine lange Tradition. Einige kamen aus Franken und siedelten sich hier auf Initiative des Bamberger Fürstbischofs Friedrich Karl von Schönborn (1729 – 1746) an, angelockt durch Steuervergünstigungen und der Aussicht auf fruchtbares Land. Ihre Siedlungen hießen Birkendorf, Mädchendorf, Pausching oder Schönborn.

Deutsche Minderheiten

Diese historischen Beziehungen wie auch die engen kirchlichen Kontakte waren ausschlaggebend für die Verantwortlichen der Stadt Bamberg auf Mukachevo als neue Partnerstadt in der Ukraine zuzugehen. Stadtrat Gerhard Seitz und ich sind jetzt erste offizielle Delegation aus Bamberg. Überall werden wir mit offenen Armen empfangen, im Rathaus, im Krankenhaus oder dem Kulturpalast. Die Gastfreundschaft ist überwältigend. Die Stadt präsentiert sich im osteuropäischen Vergleich modern und weltoffen. Dazu trägt der bunte Mix an Kulturen und Ethnien bei – bedingt durch die geografische Lage und die Geschichte. Nach Ungarn sind es nur 35 Kilometer, zur Slowakei 40 und nach Polen 60 Kilometer.  Politisch war die Stadt in den letzten 120 Jahren Teil von Österreich-Ungarn, der Tschechoslowakei, von der Volksrepublik Ungarn, Nazi-Deutschland, der Sowjetunion und seit 1991 der Ukraine.

Vizebürgermeisterin Julia Tayps bemüht sich auf ukrainischer Seite besonders um die Partnerschaft. Sie hat deutsche Vorfahren und ist Leiterin des „Deutschen Hauses“ im Zentrum der Stadt. Mit Unterstützung des deutschen Staates wurde diese Heimstätte der „Deutschen Jugend Transkarpatiens“ 2024 eröffnet. Die Einrichtung bietet vor allem für Kinder und Jugendliche Deutschkurse, aber auch ein buntes Ferienprogramm an. „In dieser schweren Zeit möchten wir als deutsche Minderheit Brückenbauer zwischen Deutschland und der Ukraine sein“, sagt Tayps selbstbewusst.

Deutsche Kulturzentren gibt es auch in den ehemals Deutschen Siedlungen am Rande oder außerhalb der Stadt. Zwei deutsche Priester leisten Seelsorge In Pausching, einem eingemeindeten Stadtteil von Mukachevo, sind Gerhard Seitz und ich zu einem „deutschsprachigen“ Pfingstgottesdienst eingeladen.  Die Messe präsentiert sich aber in einem Mix von Liedern und Texten in ukrainischer wie in deutscher Sprache. „Die Älteren wollen mehr Deutsch, die Jüngeren mehr Ukrainisch“, seufzt Josef Trunk. Der 70-jährige stammt aus Schwaben, ist aber inzwischen Diözesanpriester von Mukachevo.  Seit über 30 Jahren ist er vor Ort und hat viel erlebt. Die Umbruch- und Notzeiten der 1990er Jahre, als es darum ging, Hilfstransporte zu organisieren. Den Wegzug vieler Deutschstämmiger in die Heimat ihrer Vorfahren durch das „Spätaussiedlergesetz“. Die wirtschaftliche Konsolidierung mit Beginn der 2000er Jahre. Und jetzt den Krieg verbunden mit hohem Blutzoll. Selbst auf dem Friedhof von Pausching befindet sich ein Soldatengrab – wie auf jedem noch so kleinen Friedhof, an dem wir vorbeigekommen sind. Ausgestattet mit einer Nationalflagge und einem Bild des Verstorbenen in Uniform sind sie auf den ersten Blick zu erkennen.

Partnerschaften

Nicht nur auf den Friedhöfen gedenken die Ukrainer und Ukrainerinnen ihren im Krieg gefallenen Soldaten. In den Ortszentren und vielen Kirchen sind Gedenktafeln aufgestellt. Und jeden Morgen um 9 Uhr heulen in allen Orten die Sirenen. Für eine Minute steht das öffentliche Leben still. Die Menschen halten inne und trauern. Dann geht es wieder weiter, zur Arbeit oder zum Einkaufen. Im fünften Kriegsjahr erlebe ich die Menschen zwar müde vom Krieg, aber nicht resigniert oder sich in ihr Schicksal fügend.

Viele bewundernswerte Menschen habe ich kennen gelernt, die versuchen ihr Leben zu meistern, aber auch ihrem Land in einer existentiellen Krise zu helfen. Nicht an der Front, aber an ihrem Wirkungsort. Als Bürgermeisterin, als Priester, als Lehrer oder als Umweltschützer wie Oleksandr Bokotey.

Bokotey ist Direktor eines Instituts für religiöse Studien und Umwelt in Transkarpatien. Mit seinem kleinen Team erstellt er Unterrichtsmaterial zum Thema Umweltschutz, bietet therapeutische Exkursionen für Flüchtlinge in die Karpaten an und versucht über Konfessionsgrenzen hinaus eine Lobby für den Umweltschutz zu bilden. Finanzielle Hilfe bekommt er auch aus der Erzdiözese Bamberg. In diesem Jahr unterstützen wir ein Öko-Puppentheater, das in ganz Transkarpatien auf Tournee geht und speziell für Flüchtlingskinder eine Mischung aus Umweltbildung, soziale Integration u. psychologische Rehabilitation anbietet. Noch lange über die gegenwärtigen Kriegszeiten hinaus wird das notwendig sein.

Es ist unsere Aufgabe und in unserem Interesse Menschen wie Oleksandr Bokotey, Julia Tayps oder Ferenc Fehér zu in ihrem Engagement zu unterstützen. Ihnen zu helfen, die Ukraine jetzt und in späteren Friedenszeiten zu stabilisieren, neu aufzubauen und in die Europäische Union zu integrieren. Partnerschaften wie die des Katholischen Landvolks und der Stadt Bamberg nach Transkarpatien und Mukachevo sind ein richtiger und wichtiger Weg dahin.  

Michael Kleiner