"Mein Hungertuch erzählt von der Kraft des Wandels"

Misereor-Hungertuchkünstlerin Lilian Moreno Sánchez zu Gast in Nürnberg
Mit dem Besuch der chilenischen Künstlerin Lilian Moreno Sánchez in Nürnberg wurde die Misereor-Fastenaktion im Erzbistum Bamberg eingeläutet. Zwar können kaum öffentliche Aktionen stattfinden, aber das neu gestaltete Hungertuch hängt in der Fastenzeit in vielen Kirchen im ganzen Erzbistum.
„Mein Hungertuch erzählt von der Kraft des Wandels“, erklärt Lilian Moreno Sánchez ihr Hungertuch. Ausgangspunkt sei die politische Lage in ihrem Heimatland Chile 2019 gewesen. Bei heftigen Protesten gegen die soziale Ungleichheit seien viele Menschen ums Leben gekommen oder schwer verletzt worden. Das Hungertuch lenke den Blick auf die Verletzlichkeit des Menschen. Bei ihrem Motiv sei Moreno Sánchez die Kombination aus Tuch und Röntgenbild wichtig. „Das soll körperliche und spirituelle Heilung verbinden.“ Mit dem Stofflaken, das unter anderem aus einem Krankenhaus stammt, war die Künstlerin in ihrer Heimat an dem Ort, wo die Proteste stattgefunden haben. „Mit dem Stoff habe ich Spuren gesammelt, die auf dem Hungertuch zu sehen sind.“ Der mit Zeichenkohle skizzierte Fuß gehöre einem Opfer. „Die Röntgenaufnahme hat mich inspiriert, das Tuch zu gestalten. Der Fuß war gebrochen.“ Das erinnere sie an einen Heilungsprozess, der nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Heilung beinhalte. Lilian Moreno Sànchez weiter: „Es war nicht meine Intention, eine Verletzung auszudrücken und sie damit zu wiederholen. Meine Intention war Befreiung zu schaffen.“ Das Leben sei ein Prozess, der weitergehe. „Auch mit gebrochenen Füßen. Wir dürfen nicht die Kraft für Veränderung verlieren.“
Schwerpunktland Bolivien
Bolivien ist das Misereor-Partnerland 2021. „Es gibt große ökologische Zerstörungen in dem südamerikanischen Binnenland, da vieles in der Landwirtschaft für den Agrarexport für uns angelegt ist“, so Barbara Schmidt von der Misereor-Vertretung in Bayern. Die Frage müsse für uns sein: „Wie können wir anders wirtschaften und anders konsumieren? Wie können wir uns solidarisch mit den Menschen in Bolivien wissen?“
Hintergrund Bolivien
“Es geht! Anders.” – unter diesem Motto blickt die Misereor-Fastenaktion 2021 nach Bolivien und lädt dazu ein, unsere Lebensweisen zu überdenken und neu auszurichten hin zu einer sozial-ökologisch orientierten Gesellschaft. Die Misereor-Partner vor Ort zeigen, wie solch ein “Gutes Leben für alle” aussehen kann. Misereor möchte die Gefahr der Ausbeutung des Landes durch Wirtschaft, Politik und skrupellose Menschen in den Blick rücken. „Lassen wir uns nicht von der Sorge um die Börsenwerte einnehmen, sondern von der Schönheit der Natur ermutigen – nicht von und mit einer Wirtschaftsform unterdrücken, sondern von der Vision einer sozial-ökologisch orientierten Gesellschaft begeistern“, so schreibt Misereor auf seiner Homepage. „Die Zeit ist reif für ein gemeinschaftliches Handeln für eine Welt, die das Gemeinwohl aller Menschen im Blick hat und die Schöpfung bewahrt.“
Rund 36 ethnische Gruppen leben in dem südamerikanischen Land, fast die Hälfte der über 11,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner bezeichnet sich als indigen. Der “plurinationale” und mehrheitlich katholische Staat ist dabei von großen sozialen, kulturellen und landschaftlichen Kontrasten gekennzeichnet. Bolivien verfügt über zahlreiche Bodenschätze und ist trotzdem weiterhin eines der ärmsten Länder Lateinamerikas. Die Artenvielfalt dort ist riesig, aber von massiven Abholzungen und Umweltzerstörung bedroht, während der Klimawandel gravierende Auswirkungen zeigt. Das Land steckt heute in vielfältigen Krisen.
In der Corona-Pandemiezeit dürften die Länder des globalen Südens nicht vergessen werden, so Barbara Schmidt. „Es gibt schon viel Berichterstattung über diese Länder. Aber so ist beispielsweise die Corona-Impfstoffverteilung ungerecht.“ Daher sei ihr Plädoyer: „Solidarität müssen wir alle ernst nehmen. Wir fordern, die Impfstoffpatente freizugeben, um für eine möglichst schnelle Impfstoffverteilung auch in den südlichen Ländern zu sorgen.“
Hingucker im Weltladen-Schaufenster, Solibrot- und Straßenaktion
Inge Rehm, Leiterin des Weltladens „Fenster zur Welt“ im Haus der Katholischen Stadtkirche Nürnberg, hat dennoch Ideen entwickelt. „So sind zwei Schaufenster reserviert: eines mit dem Hungertuch und ein zweites mit Infos zur so genannten Solibrotaktion.“ Diese ist für die letzte Märzwoche geplant, verkauft werden Brote, von denen ein Teilerlös Misereor-Projekten zu Gute kommt. Und am Freitag, 19. März findet vor der Nürnberger Klarakirche eine Straßenaktion statt: mit Bodenzeitung, Mitmachaktionen und einem Straßentalk mit prominenten – angefragten – Teilnehmern. Auch hier dreht sich alles um eine verantwortungsvolle Gestaltung unserer Zukunft.
Hintergrund Misereor-Fastenaktion
Mit der Fastenaktion setzen Menschen seit über 60 Jahren ein großes Zeichen globaler Solidarität. Seit 1959 gestaltet Misereor in der katholischen Kirche in Deutschland die Fastenzeit mit und bittet die Bevölkerung mit der Fastenaktion jedes Jahr um Solidarität und Unterstützung für Benachteiligte in Asien und Ozeanien, Afrika und dem Nahen Osten, Lateinamerika und der Karibik. Jedes Jahr stehen ein anderes Thema und ein anders Land im Fokus der Fastenaktion. 2021 lädt sie in bundesweit mehr als 10.000 Gemeinden ein: „Es geht! Anders.“
Seit seiner Gründung im Jahr 1958 hat MISEREOR mehr als 110.000 Projekte mit über 7,7 Milliarden Euro gefördert. Zurzeit unterstützt das Werk fast 2.900 laufende Projekte in 86 Ländern.